Gemeinsam oder alleine im Personalmarketing?

Sebastian Manhart 12.09.2012 23:10 3
Gemeinsam oder alleine im Personalmarketing?

Für viele, vor allem kleinere Unternehmen stellt sich öfters die Frage, ob ich mich auf der Suche nach neuen Mitarbeitern alleine oder gemeinsam mit anderen Unternehmen (aus der gleichen Region, aus der gleichen Region) in den Kampf stürze. Gemeinsame Aktivitäten haben Vor- und Nachteile: Sie schaffen Zugänge und Präsenzen, die es sonst nicht gäbe – bergen aber gleichzeitig die Gefahr, dass ich als Unternehmen individuell nicht mehr wahrgenommen werde. Für mich als Mitarbeiter der Wirtschaftskammer (für Leser aus Deutschland oder der Schweiz: dank Pflichtmitgliedschaft haben wir in der jeweiligen Fachorganisation wirklich alle Vorarlberger Unternehmen der entsprechenden Branche versammelt) und Geschäftsführer einer dieser Plattformen (V.E.M., Vorarlberger Elektro- und Metallindustrie) überwiegen logischerweise – eine faire Gestaltung des Innenverhältnisses vorausgesetzt – ganz klar die Vorteile (sonst müsste ich mir einen anderen Job suchen 😉 ). Jo Diercks (CYQUEST) hat in seinem Blog heute eine unserer gemeinsamen Aktivitäten, den Lehrlingsball der Vorarlberger Industrie, beschrieben – eine Aktivität, die ein Unternehmen alleine in dieser Größenordnung niemals auf die Beine stellen könnte.

In Vorarlberg gibt es eine Reihe an gemeinsamen Plattformen, die es entweder schon jahrzehntelang gibt oder die gerade in den letzten zwei bis vier Jahren neu geschaffen wurden: Neben der V.E.M., die es seit beinahe 40 Jahren gibt, möchte ich da beispielhaft einige Plattformen aus der Lehrlingsrekrutierung anführen: Holzbau ZukunftExtrix – Lehre amKumma, Zone L, met – metall elektro technik gewerbe (das V.E.M.-Gegenstück in Gewerbe und Handwerk), Lehre in Lustenau, HiPos – Lehrlingsinitiative Walgau, und und und … Klarerweise gibt es hier Überschneidungen, wenn Unternehmen sich im Rahmen einer Region und einer Branche engagieren – was dann durchaus in einem ordentlichen Aufwand resultieren kann.

Wie muss eine derartige Plattform nun strukturiert sein, um für das einzelne Unternehmen einen Mehrwert zu bieten – und wo liegen Vor- und Nachteile in der gemeinsamen Arbeit?

PRO: Logischerweise bieten gemeinsame Aktivitäten Zugänge und Reichweiten, die alleine nicht herstellbar sind. Beispiele gefällig? Wir haben beispielsweise im Juni einen Rekrutierungstag auf Ingenieursniveau für Vorarlberger Unternehmen in Madrid organisiert. 14 Unternehmen mit ca. 50 offenen Stellen waren vor Ort mit dabei, 2.200 (großteils hochwertige) Bewerber aus ganz Spanien haben sich für einen Job in einem dieser Unternehmen interessiert. Kostenpunkt: Flug- und Übernachtungskosten für den oder die Mitarbeiter, die vor Ort waren – der Rest wurde aus Wirtschaftskammer-Budgets finanziert. Als Unternehmen kann ich das alleine nicht bewerkstelligen – bzw. nur für teures Geld für einen Recruiter, der Bewerber “herbeischafft”. Oder der vorhin angesprochene Imageevent Lehrlingsball. Oder eine Vielzahl an “Lehrlingstagen” der oben genannten Initiativen. Oder der gemeinsame Netzwerkaufbau von V.E.M.-Unternehmen zu Technischen Universitäten im deutschsprachigen Raum. Oder “Vision at work“, ein Open Space als Startschuss für einen Dialogprozess mit dem Vorarlberger Techniknachwuchs. Und und und …

WIE: Klare Regeln, wie die Zusammenarbeit funktioniert, sind unabdingbar! Wieder am Beispiel der V.E.M.: Bei uns werden (fast) alle Lehrstellen am gleichen Tag zugesagt – keine früher, einige wenige später. Im Vorfeld werden gemeinsame (und individuelle) Werbeaktivitäten gesetzt – am Tag X sind dann alle Konkurrenten. Der Wettkampf um die besten Köpfe läuft sauber und fair ab – trotz in manchen Regionen enormer Rivalität.

PRO: Gemeinsam haben Unternehmen das Gewicht, strategische Projekte für einen ganzen Standort voranzutreiben, von denen letztlich jeder Einzelne profitiert (bei uns zB die Akademie Lehrlingsausbildung, mittels derer die Ausbilder als Schlüsselpersonen in der Lehrlingsausbildung qualifiziert werden). In den V.E.M.-Ausbilderarbeitskreisen sind beispielsweise auch neue Lehrberufe, die den Bedürfnissen der Unternehmen entsprechen, konzipiert worden.

CONTRA: Als Teil einer gemeinsamen Plattform gibt ein Unternehmen bis zu einem gewissen Grad Teile seiner eigenen Identität auf. Individuelle Interessen müssen dann hinter gemeinsamen zurückstehen, es muss Rücksicht auf die anderen Unternehmen genommen werden. Unser Zugang ist hier, dass die gemeinsame Plattform lediglich das Rückgrat (im Begriff versteckt sich hierbei schon die nötige Zurückhaltung) und das Silbertablett, auf dem sich die Unternehmen präsentieren können, bildet. Leider ist immer wieder festzustellen, dass sich die Plattformbetreiber selbst zu stark in den Vordergrund stellen und selbst profilieren wollen – oft geht es den Initiatoren letztlich um das eigene Geschäft und nicht vorrangig um die Wahrung der gemeinsamen Interessen. Vor der Schaffung einer neuen, zusätzlichen Gemeinschaft bzw. vor dem Engagement in einer solchen ist diese Rollenverteilung genau zu hinterfragen.

PRO: Jeder spricht von Vernetzung, off- und natürlich immer mehr auch online. Ja, das ist wichtig! Wenn ich die handelnden Personen um mich herum kenne (und ihnen vertrauen kann), lassen sich viele Probleme einfach und unbürokratisch lösen. Der Griff zum Telefonhörer fällt viel leichter, wenn ich das Gegenüber kenne. Ich muss das Rad nicht x Mal neu erfinden, wenn es schon gute Lösungen und Ideen gibt.

CONTRA: Das Engagement auf einer Plattform kostet Zeit: Einerseits ganz konkret die Arbeitszeit derjenigen Mitarbeiter, die die tatsächliche Arbeitsleistung im Rahmen gemeinsamer Aktivitäten erbringen. Und andererseits braucht es oft Jahre, um einen gegenseitige Vertrauensbasis zu schaffen, ohne die eine solche Plattform nicht funktionieren kann. Wenn der ROI (muss diesen Trendbegriff gerade für Social Media-Aktivitäten doch irgendwie unterbringen 😉 ) nicht stimmt, ist das ein verlorenes Engagement.

Wer sich bis hierher durch den Text gekämpft hat, soll auch belohnt werden 😉 . Was sind meine Tipps, wenn mir als Unternehmen das Angebot gemacht wird, mich an einer Plattform zu engagieren?

  1. Klingt blöd, ist aber trotzdem wichtig: Recherchieren Sie ausführlich zur Plattform – und schenken Sie den Marketingunterlagen nicht zu viel Glauben! Welches Unternehmen ist schon mit dabei? Kann ich mich vor einer Entscheidung mit bestehenden Mitgliedern austauschen? Wie sieht die (Kosten)-Struktur für mich aus? Wer sind die handelnden Personen, wer sind die Knotenpunkte? Könnte es sein, dass unter Umständen eher eine individuelle Bereicherungsabsicht der eigentliche Daseinszweck ist?
  2. Ist es für mich akzeptabel, Teile meiner Identität und Präsenz gemeinsamen Aktivitäten zu opfern?
  3. Gibt es bereits konkrete Aktivitäten (oder zumindest eine entsprechende Planung), die mir einen individuellen Vorteil bringen?
  4. Last bot not least: Habe ich die Ressourcen (finanziell aber vor allem von der Arbeitszeit her) um mich nachhaltig zu engagieren? Einfach nur dabei zu sein um dabei zu sein und keine Möglichkeit haben, um sich entsprechend zu engagieren (und damit mitzubestimmen) ist reine Ressourcenverschwendung. Die Überlegungen müssen dabei einen Zeitraum von mehreren Jahren umfassen – Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.

Mit der entsprechenden Vorsicht angegangen und wenn die eigenen Hausaufgaben gemacht sind, kann jeder Einzelne vom Gemeinsamen nur profitieren. Und: Zusammen macht Vieles mehr Spaß als alleine … Plattformen machen für mich aber vor allem (wenn nicht sogar nur) dann Sinn, wenn es nicht nur um Vermarktung sondern auch im inhaltliche Arbeit geht …